Seit etwa einem Jahr hat meine Schwägerin beschlossen, religiös zu werden. Sie hatte zuvor ein sehr ereignisreiches Jahr hinter sich. Unfall, Job verloren, Scheidung nach langjährigem Rosenkrieg, Katjusha-Rakete im Garten des Hauses, allein mit drei Kindern,….
Das war alles genug für sie, um sich nun intensivst dem Judentum zuzuwenden. Sie hat angefangen, in die Synagoge zu gehen, Shabbat zu halten und ihre Kinder nach und nach in religiöse Schulen bzw. Kindergärten zu schicken.
Inzwischen hat sie sogar ein Kopftuch auf und ihr Exmann lebt auch wieder bei ihnen. Der allerdings hält nichts von der ganzen Idee und stellt sich quer. Es ist also ein Kreislauf, der wieder von vorne beginnt – nur zum Unterschied, dass sie jetzt religiös ist.
Mich stört das gar nicht, ich bewundere jeden, der sowas kann. Mein Mann und ich tun zwar einige Dinge, aber religiös sind wir gar nicht. Mein Mann tut das eher, weil er so aufgewachsen ist und nichts anderes kennt. Und ich? Ich tue bestimmte Dinge einfach aus Respekt und habe damit auch keine Probleme. Ich finde, man sollte sich doch irgendwie integrieren, um nicht als Außenseiter dazustehen.
Gestern waren wir also wieder einmal bei der Schwiegerfamilie essen. Ein buntes Bild bot sich. Die einen vor dem Fernseher, die anderen mit den Gebetsbüchern am Beten. Die Kinder am Spielen und wir mitten drin.
Ich habe zwei Kinder zu einem Spaziergang mitgenommen. Der kleine Junge der Schwägerin ist fünf Jahre alt. Für ihn ist es sicher eine Umstellung, am Shabbat auf einmal viele Dinge nicht mehr tun zu dürfen und ständig ermahnt werden zu müssen.
Bine, warum fahrt ihr am Shabbat Auto?
Weil wir die Oma und den Opa sehen wollen und weit weg wohnen. (Und weil wir keine Lust haben, dort zu übernachten und dauernd ermahnt zu werden, dass man dies und das am Shabbat nicht tun darf.)
Aber, wer den Shabbat nicht einhält, der kommt in die Hölle!
Schluck! Hab ich erwähnt, dass der Kleine fünf Jahre alt ist?
Was ist das, die Hölle?
Keine Ahnung, ich war noch nie dort!
LOL………der war gut!
Armes Kind! Die Gehirnwäsche fängt ja schon früh an! Dieser Kindergarten muss eine sehr extreme Institution sein. Ich hoffe, er schließt sich in späteren Jahren dann nicht mal der Kach-Bewegung an.
Wenn mein Kind so einen Müll reden würde, würde ich sofort den Kindergarten wechseln!
Na ja, ich mische mich grundsätzlich nicht in Familienangelegenheiten ein. Trotzdem waren mein Mann und ich mehr als nur geschockt, was dieses sonst fröhliche Kind für ein Zeug redet!
Religion ist etwas Schönes. So habe ich es zumindest bisher immer erlebt! Aber wenn man an die falschen Leute gerät, kann das einen sehr negativen Einfluss haben. Schade!
13 Antworten bis hierher ↓
Katzenelson // Januar 20, 2008 um 6:51
Religionen haben sicherlich ein paar gute Seiten, die einen mehr, die anderen weniger – und solange sie Trost spenden sind sie alle unbezahlbar.
(Jetzt bin fast stolz, einmal etwas Gutes über Religionen gesagt zu haben. Vielleicht komme ich ja doch noch in den Himmel.)
Ich mag Deine Einstellung, Bine – denn sie ist ungefährlich, ohne dumm und altklug zu wirken; das hat was.
Katzenelson,
deutsch-katholischer Atheist in Israel
bineimgelobtenland // Januar 20, 2008 um 9:01
Danke für das Kompliment!
LOL…wie gehts dir so als Goi in Israel? Vielleicht sollte ich darüber mal einen Artikel schreiben, würde viele Seiten füllen. Ich war zwar auch mal katholisch, bin und bleibe immer Österreicherin, aber als atheistisch würde ich mich nicht bezeichnen. Eher als o.B. mit Hang zum Judentum. Fällt dir dazu eine nette Abkürzung ein?
Katzenelson // Januar 20, 2008 um 11:15
Mir geht es gut als Goi in Israel… seit ich eine Cohen geheiratet habe!
“o.B.” steht für was genau? (Ohne Bekenntnis?)
bineimgelobtenland // Januar 21, 2008 um 12:52
ja, ohne Bekenntnis.
LOL……..auch noch eine Cohen!
Habt ihr zufällig auch auf Zypern geheiratet?
Was sagt eigentlich deine irakische Schwiegi dazu?
Bei euch ist das ja weniger ein Problem, da sind ja die Kinder wenigstens jüdisch.
Lustig, Sachen gibts, ich denke immer, ich bin die Einzige, die in Sünde lebt, aber wie ich sehe, bist du fast noch ein größerer Sünder…LOL.
Wir sehen uns dann in der Hölle! Da ist es wenigstens bestimmt wärmer als hier momentan.
Katzenelson // Januar 21, 2008 um 1:20
Die Schwiegermutter war stets auf meiner Seite, bin schließlich blond; der Cohen Vater, ein Jemenite, tat sich da schwerer, will aber davon längst nichts mehr wissen. Geheiratet wurde in Deutschland.
Und Du bist eine ex-katholische Österreicherin also, die als Pro-Jüdin in Israel lebt, wie harmlos das klingt, *lol*.
Gut, wie schnell wir uns damit abfinden, wessen Kinder nach jüdischer Kultur auch jüdisch sind per se – ohne je nach deutsch-katholischen Ansprüchen zu fragen überhaupt. Das alleine war die Reise doch schon wert.
Du musst wissen, ich bin ein großer (1,91 m) Juden-Fan, ein “Rassist!” sozusagen… obwohl das Judentum natürlich gar keine Rasse ist; sags bloß nicht weiter!
Katzenelson,
sündhaft froh
-
Historisch gesehen sind natürlich alle Christen zunächst mal Juden, abtrünnige Sektaner, nicht allzu viel mehr, *räusper*…
Katzenelson // Januar 21, 2008 um 1:21
PS.:
Höllenfeuer: Das eigentliche Licht am Ende des Tunnels.
bineimgelobtenland // Januar 21, 2008 um 11:04
Das ist ein sehr umfangreiches Thema, dass immer wieder Grund zum Streit mit der Schwiegermutter führt. Der Schwiegervater ist ein lieber Mensch, der so denkt wie wir. Aber seit einiger Zeit herrscht Ruhe. Ich hab ihr klar gemacht, dass man einen Gijur nicht nur macht, um die berühmten Papiere zu bekommen, sondern danach auch religiös leben muss. Da mein Mann und auch ich das nicht können, sind wir halt so eine Promenadenmischung. Wir haben gar kein Problem damit. Würden wir in Österreich leben, würden wir wahrscheinlich Weihnachten feiern.
Da ich nicht religiös bin, kann ich es wahrscheinlich auch nicht verstehen, warum sie so ein Wahnsinnstheater veranstaltet hat. Ich seh es einfach nicht ein. Für mich zählt der Charakter.
Katzenelson // Januar 21, 2008 um 1:40
Oje. Giur ist natürlich sehr anstrengend, auch für Frauen. Ich glaube kaum, dass Du das ohne höhere Motivation je schaffst, bzw. überhaupt auf Dich nimmst, liebe GoiaBine. Und so eine irakische Schwiegermutter wünscht sich natürlich viele kleine jüdische Enkelkinder, wer will es ihr verübeln. Hat denn Dein Mann keine Geschwister?
bineimgelobtenland // Januar 21, 2008 um 9:58
oh, hallo!
ja, wir habens natürlich schon versucht, hat aber nicht geklappt. jetzt leben wir so vor uns hin und warten mal, was sich ergibt.
meine schwiegermutter ist nicht aus dem irak, sondern aus marokko. ja, natürlich alles wegen der enkelkinder. mein mann hat noch 3 geschwister. davon habe zwei schon kinder. es gibt insgesamt schon 5 enkel.
aber ich mache mir keinen kopf mehr deswegen. es kommt, wie es kommen soll.
habt ihr denn kinder?
lg
bine
Katzenelson // Januar 21, 2008 um 10:06
Kinder? Nicht dass ich wüsste.
Steif die Ohren halt,
Katzenelson
purplesritchie // Januar 24, 2008 um 1:58
Was für ein netter, entspannter Dialog zu einem Thema, bei dem man sich andernorts die Köpfe einschlägt (leider im wahrsten Sinne des Wortes).
Einen schönen Tag noch
purple
Katzenelson // Januar 24, 2008 um 7:49
Eine Geschichte zum Thema Religion, für Purplesritchie und alle anderen und Rindviecher auch – außer der Überschrift bestimmt ungelogen:
– - –
Märchen
Es war einmal ein kleiner Bauernhof. Klein, weil der alte Gutsherr auf seine letzten Tage schlechterdings verarmt war und nur eine Kuh sein Eigen zu nennen noch schaffte. Diese allerdings gab erstaunlich gute Milch und reichlich, so daß der gebrechliche Herr doch genug für seinen Lebensabend überhatte. Wenn er die Kuh morgens entsaftete, muhte sie allzeit zufrieden und leckte ihm mit ihrer feuchten Zunge behutsam den Arbeitsschweiß aus der gefurchten Stirn – und alles war gut zwischen ihnen.
Nun begab es sich eines Tages, daß ein junger Mann an der weidlichen Spärlichkeit des Bauern vorüberkam und diesem beim beschwerlichen Werken eine Weile zusah. »Hört, mein Herr«, hob er dann eine ausgelaugte Stimme ins Sprechen, »ich komme von weit her, habe Haus und Heimat aus den Augen nicht nur verloren, meine Beine sind lahm geworden und allzu schwer vom irrlangen Wandern. Gebt Ihr mir Ruhstatt und eine warme Mahlzeit nur, so werdet Ihr es nicht bereuen. Ich kann Euch gut zur Hand gehen und Euch vieles erleichtern.« Der Bauer, der im erreichten Lebensalter wohl schroff wirken mochte, aber im Grunde seines Herzens ein guter Mensch doch war, nahm den jungen Mann in sein karges Haus auf und gab im Teilen bereitwillig her, was sein bescheidenes Haben derart erlaubte. So saßen sie beim zufriedenen Küchenfeuer bis in den späten Abend, redeten und erzählten und verstanden einander ausnehmlich gut, daß der Bauer den Fremden gerne als Knecht zum Tagelohn bei sich aufnehmen wollte. Und so geschah es dann auch, noch bevor sie sich zum Schlaf niederlegten, von dem der Alte nicht mehr erwachen sollte.
Am nächsten Morgen dann, in aller Früh, begab sich der Junge zur Kuh und melkte sie, wie es der Alte seit jeher getan hatte. Darüber wunderte sich die Kuh, zumal es sich am folgenden Tag nicht anders wiederholte, und so fragte sie letztendlich nach: »Sag an, Geselle, wo ist mein Herr verblieben, der zu mir gehört?« Völlig verdutzt hielt der Junge im Melken inne, und als er sich einigermaßen besonnen hatte, sprach er leise seinen Bericht: »Es tut mir leid, liebe Kuh, aber dein Herr war schon alt. Gott rief ihn zu sich, mit ihm den Himmel zu teilen. Er verstarb in vorletzter Nacht.«
»Aha, im Himmel ist er also,« rief die Kuh und schaute bis ganz nach oben hinauf.
Als tagsdrauf der verwaiste Melker wiederkam, sah er nur und gerade noch, wie die Kuh hinter einer Wolke ins Jenseitige entschwand. Da wurde er selber seltsam traurig, lief in den Stall und suchte nach der längsten Leiter.
- – -
Katzenelson,
gez.: Vom Leben!
Nana // Juni 18, 2008 um 10:55
Naja, man könnte das Thema schon etwas respektvoller und vor allem differenzierter betrachten… religiös zu werden ist erstmal überhaupt nichts Negatives. Und ich hoffe, daß Du bzw. ihr (Dein Mann und Du) Deiner Schwägerin nicht vorwerft, sich einer Gehirnwäsche unterzogen zu haben, sondern vielleicht darüber redet, daß es auch innerhalb des relgiösen Judentums verschiedene Möglichkeiten gibt (das setzt natürlich voraus, daß ihr Euch auch schlau macht, anstatt mit Pauschalen herumzuwerfen).
Was den Katzenelson betrifft: einen Cohen zu heiraten als problematisch anzusehen betrifft nur Frauen
. Man muß sich also nicht immer gleich alle Schuhe anziehen!
All in all: Deine Haltung, nicht konvertieren zu wollen/ können finde ich sehr ehrlich. Dann solltest Du’s auch nicht machen. Wenn Deine Kinder mal das Bedürfnis haben, können die es ja tun.
Alles Gute weiterhin im gelobten Land!
Nana